Eine Nachfolgerin erzählt, wie sie Familie und Unternehmen auseinandersortiert, ihre Rolle gefunden und gelernt hat, Grenzen zu setzen.
Du sollst übernehmen. Aber Du weißt nicht einmal genau, was eigentlich das Problem ist.
Familie, Firma, Zukunft: Für Nachfolger:innen liegt das selten sauber nebeneinander. Es liegt als ein einziger Knoten auf dem Tisch. Die Mutter. Das Unternehmen. Die eigene Rolle. Die Erwartungen. Alles hängt mit allem zusammen. Und oft stellt niemand laut die Frage: Will ich das überhaupt?
Genau dort stand die Nachfolgerin, die ich hier zu Wort kommen lasse. Ich kenne sie aus einer Zukunftswerkstatt mit dem gesamten Team. Schon dort war mir klar: Sie braucht eine eigene Begleitung. Seit gut einem Jahr arbeiten wir zusammen, alle 14 Tage. Im September haben wir zurückgeschaut. Sie bleibt anonym, ihre Worte nicht.
Das Wichtigste in Kürze
Zu Beginn waren Familie und Unternehmen ein untrennbarer Klumpen, und es war offen, ob sie den Betrieb ihrer Mutter überhaupt übernehmen will. In vielen kleinen Schritten entstand, was gefehlt hatte: Klarheit. Heute trennt sie Familie und Unternehmen, kennt ihre Rolle, setzt Grenzen und entscheidet selbstbewusster. Nicht alles ist gelöst. Aber sie weiß, dass sie Lösungen finden wird.
Lesezeit: ca. 6 Minuten
„Ich wusste nicht einmal, was mein Problem ist"
Was war Dein größtes Problem zu Beginn unserer Zusammenarbeit?
Ganz klar die fehlende Klarheit, in ganz vielen Aspekten. Als wir angefangen haben, war bei uns alles vermischt: Familie, Unternehmen, die Beziehungen untereinander. Ein unklarer, undefinierter Haufen, ein Klumpen. Und es war für mich noch völlig offen, ob und wie ich das Unternehmen meiner Mutter übernehmen möchte.
Ich wusste eigentlich gar nicht, was mein Problem ist. Es war so viel Durcheinander im Kopf und auch im Herzen, dass ich gar nicht so weit denken konnte. Was ist überhaupt das Problem an der ganzen Sache? Wie bringen wir das in eine Bahn? Und vor allem: Was liegt in meiner Verantwortung und was nicht? Du hast einfach Klarheit geschaffen, die ich damals noch nicht hatte.
Erst Rückenstärkung, dann Stück für Stück
Du konntest Dir am Anfang kaum vorstellen, wie ich Dich unterstützen kann. Was war dann am hilfreichsten?
Stimmt, ich konnte mir das nicht vorstellen, weil ich ja nicht wusste, wo das Problem liegt. Aber schon in der Zukunftswerkstatt hast Du mir das Gefühl gegeben, dass meine Säulen richtig sind: mein Verständnis von Führung, von Mitarbeiterkommunikation, von Organisation. Du hast meine Einstellung bestätigt, und die Wege, die Du aufgezeigt hast, haben zu mir gepasst. Das hat mir erst einmal Selbstvertrauen in meiner Führungsrolle gegeben: dass das, was ich grundsätzlich denke, Hand und Fuß hat.
Dann hast Du mich an die Hand genommen. Stück für Stück, in vielen kleinen Sessions. Wir sind alles durchgegangen: Familiendramen, Zahlen, Verträge, auch die ganz kleinen Sachen. Und Du hast mich immer wieder aus der Emotion herausgeholt, damit ich einen klaren Kopf bekomme.
„Du hast mich Stück für Stück an die Hand genommen und mich immer wieder aus der Emotion herausgeholt."
Keine Standardlösung, kein Schema F
Was schätzt Du an der Zusammenarbeit besonders?
Dass Du keine Standardlösung anbietest. Ich habe das Gefühl, dass Du wirklich auf die Persönlichkeiten eingehst, auf die Charaktere der ganzen Familie. Selbst wenn ich nur einmal kurz von meiner Schwester oder meinem Mann erzählt habe, konntest Du sie gut einschätzen. Und gerade beim Konflikt zwischen Mutter und Tochter hast Du uns beide als Menschen verstanden und mir geholfen, mit schwierigen Situationen umzugehen.
Du gibst mir auch nicht einfach Lösungen vor. Nicht „mach dies, mach das", sondern: Warum wäre es klug, es so zu machen? So verstehe ich, worum es geht. Und Du hast mich darin gestärkt, dass das, was ich tue, im Prinzip richtig ist.
Von „Wie löse ich alles für alle?" zu „Was ist meine Aufgabe?"
Welche zwei oder drei konkreten Veränderungen haben sich bei Dir ergeben?
Ich kann heute unterscheiden, was Familie ist und was Unternehmen. Ich kann das gedanklich trennen.
Am Anfang war für mich immer die große Frage: Wie schaffe ich das, alle Probleme zu lösen, und zwar komplett für alle? Damit es gut wird für die Familie, für meine Mutter, für mich und fürs Unternehmen. Heute gibt es eine klare Rollen- und Verantwortungsverteilung. Und die Frage lautet jetzt: Was kann ich übernehmen? Was ist meine Aufgabe?
„Ich bin nicht verantwortlich für alle Konflikte und nicht für alle Lösungen, sondern für das, was ich mir aufladen kann."
Mir ist klarer geworden, dass ich Verantwortung übernehmen kann und möchte, und dass mir das gefällt. Aber Du hast mir auch geholfen, Grenzen zu setzen. Dass ich sagen kann: Das kann ich, das will ich, aber bis hierhin und nicht weiter.
„Nicht alles ist gelöst, aber es gibt mehr Hoffnung"
Wo stehst Du heute?
Heute ist zwar nicht alles endgültig gelöst, aber es gibt mehr Hoffnung. Ich war mehr als einmal an dem Punkt, an dem ich gesagt habe: Ich schmeiße alles hin, das macht alles keinen Sinn mehr. Heute kann ich mit diesem Gefühl umgehen. Ich weiß, dass ich eine Lösung finden werde und dass es weitergeht.
Ich gehe selbstbewusster mit Entscheidungen um. Ich weiß, dass ich entscheiden kann, darf und muss. Und ich darf sagen, was meine Bedingungen sind, damit es weitergehen kann: Das muss erfüllt sein, dann geht es weiter.
Danke Dir für Deine Offenheit.
Was sich schon gezeigt hat
Wie viel diese Klarheit wert ist, hat sich im Frühjahr gezeigt. Wir hatten ein wichtiges Gespräch in der Familie gemeinsam vorbereitet. Am selben Tag schrieb sie mir:
„Ich bin soeben vom Gespräch wiedergekommen und es ist sehr gut verlaufen. Wir sind alles, was du und ich im Vorfeld besprochen haben, durchgegangen und sind zu einem für mich sehr zufriedenstellenden Ergebnis gekommen."
Was ich daraus für Nachfolgerinnen mitnehme
Erst entwirren, dann übergeben. Wenn Familie und Unternehmen ineinanderfließen, ist die erste Aufgabe nicht die Übergabe. Es ist das Auseinandersortieren: Was gehört an den Küchentisch, was in die Geschäftsführung?
Die Frage wechseln. „Wie mache ich es allen recht?" führt in die Erschöpfung. „Was ist meine Aufgabe?" führt zur eigenen Rolle.
Ja zur Nachfolge heißt nicht Ja zu allem. Wer die eigenen Bedingungen kennt, kann verhandeln, auch mit der eigenen Mutter.
Zweifel gehören dazu. Den Gedanken „Ich schmeiße alles hin" kennen fast alle Nachfolgerinnen, mit denen ich arbeite. Er verschwindet nicht. Aber er verliert seine Macht, wenn Du weißt, wofür Du stehst.
Nachfolgefähigkeit ist eine Haltung, kein Endpunkt. Diese Nachfolgerin ist noch mitten auf dem Weg. Und sie geht ihn heute mit klarem Kopf.
Erkennst Du Dich wieder?
Vielleicht sollst auch Du ein Familienunternehmen übernehmen und spürst, dass vieles noch durcheinander ist. Dann lass uns sprechen. In einem ersten Gespräch schauen wir gemeinsam, wo bei Dir gerade der Knoten sitzt.
Lass uns sprechen
Du möchtest Dich erst einmal selbst sortieren? Der kostenfreie Fragenkatalog zur Unternehmensnachfolge hilft Dir dabei. Mehr zu meiner Arbeit mit Nachfolger:innen findest Du hier.
Wer hier schreibt
Lioba Heinzler — Architektin für unternehmerische Entwicklung. Seit über 20 Jahren begleite ich Unternehmerfamilien durch die Nachfolge. Meine Überzeugung: Eine Übergabe entscheidet sich an den Gesprächen, nicht an den Verträgen.
→ Mehr über mich: unternehmensnachfolge-mit-system.de/ueber-mich/
Der Fragenkatalog zur Nachfolge
Nachfolge beginnt nicht beim Notar. Sondern mit den richtigen Fragen.
Der kostenfreie Fragenkatalog gibt Dir den roten Faden durch den Übergabeprozess — ob Du übergibst, übernimmst oder als Familie gemeinsam plant. Aus über 20 Jahren Praxis, zweimal von Impulse empfohlen.
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